Billerbeck. Gut anderthalb Stunden sind bei der Podiumsdiskussion der Kolpingsfamilie mit den Bürgermeisterkandidaten verstrichen, da zieht Volker Dieminger (CDU) ein Ass aus dem Ärmel. Er wedelt mit einem weißen noch fest verschlossenen Umschlag: „Hier drin befindet sich der Name eines Investors, von dem ich die Zusage habe, dass er auf eigene Kosten in einem Gewerbegebiet eine Festhalle für die Billerbecker errichten wird“, sorgt Dieminger für überraschte Gesichter. Und setzt noch einen drauf: Diesen Umschlag, den er Kolping-Chef Stephan Piegel zu treuen Händen übergibt, dürfe jeder der vier Kandidaten öffnen und verwenden, der am 30. August die Wahl gewinne. Applaus brandet auf.
Doch wer gedacht hat, dass Dieminger nun den großen Coup gelandet hätte, sieht sich getäuscht. „Toll, dass sie eine Idee der SPD aufgreifen“, kontert deren Kandidat Hans-Jürgen Dittrich. Applaus. „Feste gehören nicht in eine Halle ins Gewerbegebiet, sondern mitten in die Stadt“, findet Helmut Geuking (SG). Applaus. Und Marion Dirks (parteilos) setzt auf die Unterschriften, die den Gesetzgeber dazu bringen sollen, die Dezibelzahlen bei Brauchtumsfesten zu ändern. Auch Applaus.
Diese Szene ist typisch für den Abend, den rund 450 Bürger - so zählt die Kolpingsfamilie - trotz Sommerhitze in der Mensa der Hauptschule verbringen. Ein aufmerksames Publikum, das konzentrierte Kandidaten erlebt, die ihre Positionen präzise herausarbeiten - und die alle immer wieder Applaus bekommen.
Amtsinhaberin Marion Dirks wirft alles in die Waagschale, was ihr in den vergangenen fünf Jahren ihrer Ansicht nach gut gelungen ist, hebt ab auf Bürgernähe und viele neue Projekte, an denen die Basis beteiligt war, und überrascht mit der Ankündigung, eine Bürgerstiftung ins Leben rufen zu wollen. Volker Dieminger gibt sich als Wirtschaftsmann, sein Fachgebiet, will optimale Rahmenbedingungen schaffen für die Ansiedlung von Gewerbe. Hans-Jürgen Dittrich bringt sozialdemokratische Positionen ins Spiel, spricht für die Gemeinschaftsschule und gegen die Hähnchenmast, und Helmut Geuking fordert den grundsätzlichen Wandel, verspricht Familienfördeung in barer Münze und das Ende aller Finanznot durch neues Regionalgeld. Wie? Das erfahren die Zuhörer nicht, immer wieder verweist Geuking auf die Homepage seiner Partei. Dass Moderator Ulrich Vollmer nachhakt, ist nicht vorgesehen, dass die Politiker miteinander diskutieren auch nicht. Das hätte zur Erhellung beigetragen und Allgemeinplätze der Kandidaten präzisieren können.
Stimmung kommt auf beim Thema Hähnchenmast. Hier hat Dieminger den Mut, den Einfluss eines Bürgermeisters als äußerst begrenzt darzustellen. Beim Thema Bildung machen alle Kandidaten - sogar Dieminger - deutlich, dass neue Konzepte für Haupt- und Realschule gefordert sind. Bis sich zwei Hauptschullehrer zu Wort melden und eine Lanze für ihre Schule brechen. Auch dafür gibts Applaus. Nach zweieinhalb Stunden Reden auf dem Podium ist Schluss. Jetzt hat der Wähler das Wort.
(Text und Foto: Ulrike Deusch)
Veröffentlicht am 21.08.2009
